„Es hat einen Moment gegeben, in dem ich mir gesagt habe: "Okay, ich werde in sehr absehbarer Zeit sterben, und ich gehe jetzt diesem Zustand entgegen." Ich habe mich sozusagen in eine andere Richtung, zum Weggehen, gewandt. Das ist erstaunlicherweise sehr befreiend.“

Ilse Helbich


Wie sich Alt-Sein anfühlt, ist als junger Mensch schwer zu verstehen. Von außen sehen wir Menschen, die langsamer sind, gebrechlicher, vielleicht ein bisschen vergesslich und später dann wahrscheinlich krank. Es ist eine eher abschreckende und oft beängstigende Vorstellung als junger Mensch, sich selbst in diesem Zustand vorzustellen. Ilse Helbich hingegen beschreibt das Alter wie ein fremdes Land, in dem nicht nur der Kampf gegen die alltäglichen Mühen immer wieder neu gewonnen werden muss, sondern auch neue Freiräume entstehen, vielleicht sogar eine neue Leichtigkeit. Es ist ein Land in dem Erinnerungen mindestens genauso real sind, wie das alltägliche Leben, das Jetzt wichtiger als das Morgen und die Zeit, das Hier und das Gegenüber durchaus verhandelbare Größen sind. DEM WEGGEHEN ZUGEWANDT ist eine Erzählung aus dem unbekannten Land mit den Mitteln der Musik, basierend auf Texten von Ilse Helbich und musikalischen Erinnrungen älterer Menschen.

Denn die tiefsten gespeicherten Erinnerungen, die Menschen bleiben, wenn sie beginnen zu vergessen, liegen in Musik. Wenn die kognitiven Fähigkeiten nachlassen, verschwindet die Erinnerung an die tatsächlichen Vorgänge, die Gefühle ausgelöst haben, doch die Erinnerung an das Gefühl selbst bleibt in der Musik gespeichert. Wir vergessen den Namen unserer ersten Liebe, und wir vergessen, dass uns ein bestimmtes Lied beim ersten Kuss begleitete, doch wenn wir es wieder hören, ist das Gefühl von Wärme und Liebe wieder da. Selbst bei Wachkomapatienten und Demenzkranken lassen sich diese Reaktionen nachweisen. Die Musik erreicht Ebenen, die anders nicht mehr zugänglich wären, eine irrationale Brücke in die eigene Vergangenheit und ein letzter Zugang zur eigenen Identität. Wie klingt Erinnerung von ihrem letzten Anker her? Wie klingt Liebe, Schmerz und Kindheit?

Alten Menschen droht in der beschleunigten Gesellschaft nicht nur die eigene Erinnerung zu entschwinden, sie verlieren mangels Einbindung in Großfamilien oder generationenübergreifenden Lebensformen auch den gesellschaftlichen Zusammenhang. Häufig unter ihresgleichen inPflegeheimen professionell betreut, fehlt der Ansprechpartner, um Erfahrungen weiter zu geben und die Ermutigung die Stimme zu erheben. Eine größer werdende Gruppe von alten Menschen verstummt somit zunehmend, obwohl ihnen zuzuhören sehr interessant sein könnte: Was bleibt, wenn wir, von allen Aufgaben entbunden, vollkommen auf uns selbst zurückgeworfen sind? Wann wird Frei-Sein zur Last? Kann man den Umgang mit Freiheit lernen? Wie hält man es mit der eignenen Unzulänglichkeit aus?

DEM WEGGEHEN ZUGEWANDT macht Stimmen alternder Menschen hörbar und sie selbst sichtbar, sowohl als Individuen, als auch als gesellschaftliche Gruppe. Sie werden zu Experten einer musikalischen Erzählung aus dem fremden Land des Alters. Ein sechzig köpfiger CHOR DER ALTEN wird im Zentrum der Musiktheaterinszenierung stehen, die gemeinsam von Union Universal mit dem Solistenensemble Kaleidoskop, der Komponistin Manuela Kerer und sechs Darstellern entwickelt wird.

Ausgangspunkt der szenisch-kompositorischen Arbeit sind Musikstücke, die mit biographischen Momentaufnahmen alter Menschen verknüpft sind: Wiegenlieder, Tanzlieder, Kinderlieder, Volkslieder, Geräusche, Radiosongs oder Melodien.

Die neurologischen Prozesse des Erinnerns und Vergessens werden in eine musikalische Struktur übersetzt, ein stimmlich-musikalisches Zweigespräch zwischen einzelnen Stimmen und den Musikern des Orchesters entsteht. Der Chor: Ein Sprachrohr der einzelnen verstummenden Stimme? Verschafft er einem überbordenden Innenleben Gehör, wo doch der Radius des tatsächlich Erlebten immer kleiner wird? Wie eine Welle schwappt das vielstimmige Summen des Chores über den Einzelnen hinweg, in dem Maße wie er den Kontakt zur Außenwelt vielleicht zunehmend zu verlieren droht.

Die Geschichten und musikalischen Erinnerungen, die das Material für DEM WEGGEHEN ZUGEWANDT bilden, sind in der MACHINA RECORDATIO, eine Erinnerungsmaschine und Stimmenarchiv, online anhörbar. Ab April 2013 wird die MACHINA RECORDATIO außerdem als Installtion im Stadtraum von Hamburg und später auch in Berlin und Dresden stehen.

www.machina-recordatio.de